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Die Schuhe

Reinhard Mey

Als ich fortging heute morgen, meine Arbeit zu besorgen, als ich halbwach aus dem Hause trat, da stand ausgedient und abgetragen, gottverlassen sozusagen, ein altes Paar Schuh verwaist am Straßenrand. Wer, so mußt ich bei mir denken, mag die Schuhe wohl verschenken, der sie seiner nicht mehr länger würdig fand? Wer hat sie bis hier getragen? Und mir kamen tausend Fragen zu dem Los, das sich mit diesen Schuhn verband. Ich ging weiter, unterdessen, das Bild könnt ich nicht vergessen, diese Schuhe gingen mir nicht aus dem Sinn. Schuhe haben etwas Rührendes, Hilfloses, Faszinierendes, wenn sie so dastehn, ohne uns darin. Gehn mit uns durch schwere Stunden, nur getreten und geschunden auf unserem Lebensweg von Anbeginn. Können mehr von uns berichten, als viel Worte und Geschichten, und wo es das Schicksal will, führn sie uns hin. Heute abend kam ich wieder an die Stelleund sah nieder, wo die Schuhe standen, doch der Platz war leer. Jemand war vorbeigekommen, hat sie dankbar mitgenommen. Unter uns gleichgültgen Menschen ringsumher, die wir blind vorüberhasten, gab es einen, dem sie paßten, dem sie gut genug erschienen, möge der wie ein Felsen fest drin stehen, wie auf Wolken darin gehen, auf dem glücklichen Weg, ich wünsch es ihm sehr!

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